{"id":31,"date":"2026-08-19T10:00:39","date_gmt":"2026-08-19T10:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/carpe-kairon.de\/warum-latein-auch-heute-noch-begeistert\/"},"modified":"2026-08-19T12:47:07","modified_gmt":"2026-08-19T12:47:07","slug":"was-ist-eigentlich-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/carpe-kairon.de\/en\/was-ist-eigentlich-wissen\/","title":{"rendered":"What actually is knowledge?"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher, wir haben alle eine ungef\u00e4hre Vorstellung davon, was wir meinen, wenn wir von Wissen sprechen. Aber Wissen wir \u00fcberhaupt, was wissen eigentlich ist? Es lohnt sich jedenfalls dar\u00fcber nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Lange galt die Definition, Wissen sei <em>gerechtfertigter, wahrer Glaube<\/em>, welche auf Platons Dialoge Theaitetos und Menon zur\u00fcckgeht. Diese Definition gilt aber seit Gettiers (zumindest in der analytischen Philosophie) ber\u00fchmten Aufsatz <em>Is justified true belief knowledge?<\/em> von 1963 als widerlegt (wieder zumindest in der analytischen Philosophie). Insofern die analytische Philosophie derzeit die ma\u00dfgebende Richtung der westlichen Philosophie darstellt und die Philosophie die grundlegenden Begriffe der Wissenschaft reflektiert, m\u00fcssen wir zugeben, dass die moderne Wissenschaft gar keinen Begriff vom Wissen besitzt, denn seit Gettier gab es keine Erfolge bei der Suche nach einer neuen Wissensdefinition. Nicht mal die Wissenschaft wei\u00df also derzeit, was Wissen eigentlich ist. Die Einzelwissenschaften allerdings zeigen sich von dieser Entwicklung g\u00e4nzlich unbeeindruckt, sprechen weiter von &#8218;Wissen&#8216; und von &#8218;Wissenschaft&#8216; \u2013 ohne das jemand wirklich Rechenschaft davon ablegen kann, was damit eigentlich genau gemeint ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Erforschen wir die Etymologie finden wir ein anderes Ergebnis. Das deutsche Verb &#8218;wissen&#8216; (und das gilt beispielsweise auch f\u00fcr das griechische \u03bf\u1f36\u03b4\u03b1) stellt eigentlich eine Vergangenheitsform da. Deswegen sagen wir auch: ich gehe \u2013 er geh<strong>t<\/strong>, ich komme, \u2013 er komm<strong>t<\/strong>, ich nehme \u2013 er nimm<strong>t<\/strong>, usw. Aber: ich wei\u00df \u2013 er wei\u00df! Ganz ohne das obligatorische t f\u00fcr die Personalendung der dritten Person im deutschen Pr\u00e4senz und genauso wie bei: ich ging \u2013 er ging! Das Deutsche wissen ist verwandt mit dem lateinischen vide\u0304re (sehen) und wenn wir uns am Altgriechischen orientieren, wo \u03bf\u1f36\u03b4\u03b1 eine Perfektform vom selben Stamm (\u03dd\u03b9\u03b4) darstellt und das Perfekt den resultativen Aspekt ausdr\u00fcckt, erahnen wir, was mit Wissen eigentlich man gemeint war. Wissen ist das Resultat davon, etwas gesehen zu haben: Was ich gesehen habe, das wei\u00dft ich. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Auf diese Weise war Wissen urspr\u00fcnglich mal gemeint, aber wir merken schnell, dass dieser Wissensbegriff weder unserem Sprachgebrauch entspricht, noch h\u00e4lt er einen philosophischen Analyse stand. Sonst w\u00fcsste n\u00e4mlich keiner von uns, dass er ein Gehirn oder ein Herz hat? Oder haben Sie mal Ihr Gehirn gesehen? Ich meine keine Bilder davon, ich meine Ihr Gehirn selbst. Eine ausf\u00fchrliche Widerlegung der These, Wissen sei letztlich Wahrnehmung, findet sich wiederum im bereits angesprochen Dialog Theaitetos aus Platons Feder. Der ganze Dialog ist \u00fcbrigens der Suche nach dem Wesen der Erkenntnis, der Episteme (\u1f10\u03c0\u03b9\u03c3\u03c4\u03ae\u03bc\u03b7), gewidmet. Und das bringt uns vielleicht schonmal einen Schritt weiter. Erst wenn wir einsehen, das wir etwas nicht erkannt haben, k\u00f6nnen wir uns auf die Suche begeben. Erst dann haben wir einen Grund diese Suche anzutreten. In diesem Sinne also hoffe ich, ich konnte Sie ein wenig beunruhigen, denn die Chancen stehen gut, dass auch Sie nicht wissen, was Wissen ist. Was wissen Sie dann \u00fcberhaupt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Im Besten Falle regt sich nun die Neugier in Ihnen: &#8222;Na, gut! Bitte, dann sag&#8216; uns doch, was Wissen ist!&#8220; \u2013 Aber daf\u00fcr, ob ich es selbst nun wei\u00df oder nicht, bin ich zu sehr Platoniker. Die Antwort auf dem Silbertablett hat noch nie jemanden zur Erkenntnis gef\u00fchrt. Gerne aber empfehle ich an dieser Stelle nochmal den Dialog Theaitetos, denn dieser leitet Sie durch alle Untiefen und wilden Fahrwasser dieser schwierigen und zugleich wichtigen Frage. Und auch einen weiteren Hinweise m\u00f6chte ich Ihnen nicht vorenthalten. Falls sie jetzt an das sokratische &#8218;<em>Ich wei\u00df, dass ich nichts wei\u00df<\/em>.&#8216; denken, schlagen Sie es sich bitte aus dem Kopf. Es ist ein Fehlzitat (vgl. Bl\u00f6\u00dfner \/ Holzhausen 2023, S. 5) und so (!) nirgends \u00fcberliefert. Es solches Oxymoron w\u00e4re des philosophischen Geistes eines Sokrates auch nicht w\u00fcrdig.  W\u00fcrdig ist seiner vielmehr die Suche und die Pr\u00fcfung, weshalb ich mit einem wirklichen Zitat aus Platons \u0152uvre schlie\u00dfen m\u00f6chte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u039f\u1f50\u03ba\u03bf\u1fe6\u03bd \u1f10\u03c0\u03b9\u03c3\u03ba\u03bf\u03c0\u1ff6\u00b5\u03b5\u03bd \u03b1\u1f56 \u03c4\u03bf\u1fe6\u03c4\u03bf, \u1f66 \u0395\u1f50\u03b8\u03cd\u03c6\u03c1\u03c9\u03bd, \u03b5\u1f30 \u03ba\u03b1\u03bb\u1ff6\u03c2 \u03bb\u03ad\u03b3\u03b5\u03c4\u03b1\u03b9, \u1f22 \u1f10\u1ff6\u00b5\u03b5\u03bd \u03ba\u03b1\u1f76 \u03bf\u1f55\u03c4\u03c9 \u1f21\u00b5\u1ff6\u03bd \u03c4\u03b5 \u03b1\u1f50\u03c4\u1ff6\u03bd \u1f00\u03c0\u03bf\u03b4\u03b5\u03c7\u03ce\u00b5\u03b5\u03b8\u03b1 \u03ba\u03b1\u1f76 \u03c4\u1ff6\u03bd \u1f04\u03bb\u03bb\u03c9\u03bd, \u1f10\u1f70\u03bd \u00b5\u03cc\u03bd\u03bf\u03bd \u03c6\u1fc7 \u03c4\u03af\u03c2 \u03c4\u03b9 \u1f14\u03c7\u03b5\u03b9\u03bd \u03bf\u1f55\u03c4\u03c9 \u03c3\u03c5\u03b3\u03c7\u03c9\u03c1\u03bf\u1fe6\u03bd\u03c4\u03b5\u03c2 \u1f14\u03c7\u03b5\u03b9\u03bd; \u1f22 \u03c3\u03ba\u03b5\u03c0\u03c4\u03ad\u03bf\u03bd \u03c4\u03af \u03bb\u03ad\u03b3\u03b5\u03b9 \u1f41 \u03bb\u03ad\u03b3\u03c9\u03bd;<br><strong>Sokrates<\/strong> in Platon, Euthyphron 9a<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center ext-animate--on wp-block-paragraph\"><strong>\u00dcbersetzung (S. F. Seeber):<\/strong> Aber wollen wir das nicht wiederum pr\u00fcfen, o Euthyphron, ob es<em>\u00a0<\/em>auch stimmt, oder sollen wir es lassen und ohne weitere Umschweife sowohl uns selbst als auch allen anderen glauben, indem wir, wann immer nur irgendjemand behauptet, etwas verhalte sich auf eine bestimmte Weise, zustimmen, dass es sich so verh\u00e4lt? Oder muss man vielmehr pr\u00fcfen, was derjenige sagt, der etwas sagt?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Einsicht in den eigene Unwissenheit ist der Anfang aller Erkenntnis<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Eine Antwort haben wir jetzt also nicht auf unsere Frage nach dem Wissen. Aber eine Antwort w\u00e4re auch nichts wert, denn sie w\u00e4re nur eine weitere Information, die Sie irgendwo in Ihrem Hort gesammelter Meinungen anh\u00e4ufen k\u00f6nnten. Sie w\u00e4re keine Erkenntnis. Echte Erkenntnis entsteht nur als Resultat der eigenen Suche, sei es allein oder in Gemeinschaft. Zur Suche kommt es jedoch nur, wenn uns wirklich klar wird, dass uns etwas fehlt, was wir zugleich dringend ben\u00f6tigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"ext-animate--on wp-block-paragraph\">Die Einsicht in unsere Unwissenheit ist also der Schl\u00fcssel, um \u00fcberhaupt zur Erkenntnis zu gelangen. Seien Sie jetzt ganz ehrlich zu sich selbst: Wissen Sie, was Wissen ist? Und w\u00e4re es f\u00fcr das Leben nicht ungemein vorteilhaft, Wissen von Nichtwissen unterscheiden zu k\u00f6nnen?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicher, wir haben alle eine ungef\u00e4hre Vorstellung davon, was wir meinen, wenn wir von Wissen sprechen. Aber Wissen wir \u00fcberhaupt, was wissen eigentlich ist? Es lohnt sich jedenfalls dar\u00fcber nachzudenken. Lange galt die Definition, Wissen sei gerechtfertigter, wahrer Glaube, welche auf Platons Dialoge Theaitetos und Menon zur\u00fcckgeht. 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