Sicher, wir haben alle eine ungefähre Vorstellung davon, was wir meinen, wenn wir von Wissen sprechen. Aber Wissen wir überhaupt, was wissen eigentlich ist? Es lohnt sich jedenfalls darüber nachzudenken.

Lange galt die Definition, Wissen sei gerechtfertigter, wahrer Glaube, welche auf Platons Dialoge Theaitetos und Menon zurückgeht. Diese Definition gilt aber seit Gettiers (zumindest in der analytischen Philosophie) berühmten Aufsatz Is justified true belief knowledge? von 1963 als widerlegt (wieder zumindest in der analytischen Philosophie). Insofern die analytische Philosophie derzeit die maßgebende Richtung der westlichen Philosophie darstellt und die Philosophie die grundlegenden Begriffe der Wissenschaft reflektiert, müssen wir zugeben, dass die moderne Wissenschaft gar keinen Begriff vom Wissen besitzt, denn seit Gettier gab es keine Erfolge bei der Suche nach einer neuen Wissensdefinition. Nicht mal die Wissenschaft weiß also derzeit, was Wissen eigentlich ist. Die Einzelwissenschaften allerdings zeigen sich von dieser Entwicklung gänzlich unbeeindruckt, sprechen weiter von ‚Wissen‘ und von ‚Wissenschaft‘ – ohne das jemand wirklich Rechenschaft davon ablegen kann, was damit eigentlich genau gemeint ist.

Erforschen wir die Etymologie finden wir ein anderes Ergebnis. Das deutsche Verb ‚wissen‘ (und das gilt beispielsweise auch für das griechische οἶδα) stellt eigentlich eine Vergangenheitsform da. Deswegen sagen wir auch: ich gehe – er geht, ich komme, – er kommt, ich nehme – er nimmt, usw. Aber: ich weiß – er weiß! Ganz ohne das obligatorische t für die Personalendung der dritten Person im deutschen Präsenz und genauso wie bei: ich ging – er ging! Das Deutsche wissen ist verwandt mit dem lateinischen vidēre (sehen) und wenn wir uns am Altgriechischen orientieren, wo οἶδα eine Perfektform vom selben Stamm (ϝιδ) darstellt und das Perfekt den resultativen Aspekt ausdrückt, erahnen wir, was mit Wissen eigentlich man gemeint war. Wissen ist das Resultat davon, etwas gesehen zu haben: Was ich gesehen habe, das weißt ich.

Auf diese Weise war Wissen ursprünglich mal gemeint, aber wir merken schnell, dass dieser Wissensbegriff weder unserem Sprachgebrauch entspricht, noch hält er einen philosophischen Analyse stand. Sonst wüsste nämlich keiner von uns, dass er ein Gehirn oder ein Herz hat? Oder haben Sie mal Ihr Gehirn gesehen? Ich meine keine Bilder davon, ich meine Ihr Gehirn selbst. Eine ausführliche Widerlegung der These, Wissen sei letztlich Wahrnehmung, findet sich wiederum im bereits angesprochen Dialog Theaitetos aus Platons Feder. Der ganze Dialog ist übrigens der Suche nach dem Wesen der Erkenntnis, der Episteme (ἐπιστήμη), gewidmet. Und das bringt uns vielleicht schonmal einen Schritt weiter. Erst wenn wir einsehen, das wir etwas nicht erkannt haben, können wir uns auf die Suche begeben. Erst dann haben wir einen Grund diese Suche anzutreten. In diesem Sinne also hoffe ich, ich konnte Sie ein wenig beunruhigen, denn die Chancen stehen gut, dass auch Sie nicht wissen, was Wissen ist. Was wissen Sie dann überhaupt?

Im Besten Falle regt sich nun die Neugier in Ihnen: „Na, gut! Bitte, dann sag‘ uns doch, was Wissen ist!“ – Aber dafür, ob ich es selbst nun weiß oder nicht, bin ich zu sehr Platoniker. Die Antwort auf dem Silbertablett hat noch nie jemanden zur Erkenntnis geführt. Gerne aber empfehle ich an dieser Stelle nochmal den Dialog Theaitetos, denn dieser leitet Sie durch alle Untiefen und wilden Fahrwasser dieser schwierigen und zugleich wichtigen Frage. Und auch einen weiteren Hinweise möchte ich Ihnen nicht vorenthalten. Falls sie jetzt an das sokratische ‚Ich weiß, dass ich nichts weiß.‘ denken, schlagen Sie es sich bitte aus dem Kopf. Es ist ein Fehlzitat (vgl. Blößner / Holzhausen 2023, S. 5) und so (!) nirgends überliefert. Es solches Oxymoron wäre des philosophischen Geistes eines Sokrates auch nicht würdig. Würdig ist seiner vielmehr die Suche und die Prüfung, weshalb ich mit einem wirklichen Zitat aus Platons Œuvre schließen möchte:

Οὐκοῦν ἐπισκοπῶµεν αὖ τοῦτο, ὦ Εὐθύφρων, εἰ καλῶς λέγεται, ἢ ἐῶµεν καὶ οὕτω ἡµῶν τε αὐτῶν ἀποδεχώµεθα καὶ τῶν ἄλλων, ἐὰν µόνον φῇ τίς τι ἔχειν οὕτω συγχωροῦντες ἔχειν; ἢ σκεπτέον τί λέγει ὁ λέγων;
Sokrates in Platon, Euthyphron 9a

Übersetzung (S. F. Seeber): Aber wollen wir das nicht wiederum prüfen, o Euthyphron, ob es auch stimmt, oder sollen wir es lassen und ohne weitere Umschweife sowohl uns selbst als auch allen anderen glauben, indem wir, wann immer nur irgendjemand behauptet, etwas verhalte sich auf eine bestimmte Weise, zustimmen, dass es sich so verhält? Oder muss man vielmehr prüfen, was derjenige sagt, der etwas sagt?

Einsicht in den eigene Unwissenheit ist der Anfang aller Erkenntnis

Eine Antwort haben wir jetzt also nicht auf unsere Frage nach dem Wissen. Aber eine Antwort wäre auch nichts wert, denn sie wäre nur eine weitere Information, die Sie irgendwo in Ihrem Hort gesammelter Meinungen anhäufen könnten. Sie wäre keine Erkenntnis. Echte Erkenntnis entsteht nur als Resultat der eigenen Suche, sei es allein oder in Gemeinschaft. Zur Suche kommt es jedoch nur, wenn uns wirklich klar wird, dass uns etwas fehlt, was wir zugleich dringend benötigen.

Die Einsicht in unsere Unwissenheit ist also der Schlüssel, um überhaupt zur Erkenntnis zu gelangen. Seien Sie jetzt ganz ehrlich zu sich selbst: Wissen Sie, was Wissen ist? Und wäre es für das Leben nicht ungemein vorteilhaft, Wissen von Nichtwissen unterscheiden zu können?


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