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Vom Wesen der Inspiration

Natürlich können wir uns kein wirkliches Bild davon machen, wie das Leben in der antike wirklich aussah oder klang. Dennoch sind wir bei Carpe Kairon davon überzeugt, dass wir die Antike lebendig zum klingen bringen können, indem wir uns von den Texten oder der Poesie inspirieren lassen und im inspirierten Geiste nachschaffen.

In Platons Dialog Ion (vgl. 533d), entwickelt Sokrates eine Theorie der Inspiration, wobei er die Inspiration – wörtlich übrigens: die Einhauchung – mit dem Phänomen des Magnetismus vergleicht. So wie ein Magnet die Fähigkeit besitzt, einen Eisennagel zu magnetisieren, sodass dieser selbst magnetisch wird, ebenso übertrage sich auch die Inspiration von den Musen über die großen Dichter wie Homer bis hin zu denen, die diese Dichter auslegen oder sich anderweitig von ihnen inspirieren lassen.

Die folgenden Beiträge hoffen, einen kleinen Beitrag in dieser magnetischen Kette leisten zu können und die aus der Antike empfangene Inspiration in eigenen Beiträgen weitergeben zu können.

Im folgenden Gespräch geht es um verschiedene Eindrücke und Gedanken, die aus der Lektüre antiker Texte erwachsen sind. Im Vordergrund steht die Frage nach einem nachhaltigen Verhältnis zur Natur.

Lieder, Poesie und Auftritte mit antiken Texten, Übertragungen etc.

Sappho ist wohl die bekannteste Lyrikerin der griechischen Antike. Sie lebte im 6 Jh. v. d. Z. auf der Insel Lesbos. In der Anrufung der Aphrodite geht es um einen Liebeszauber, mit welchem die Dichterin eine andere Frau in Ihre Liebe ziehen will. Die teils homoerotische Dichtung Sapphos war wahrscheinlich für die Entstehung des Ausdrucks lesbisch mit verantwortlich.

Der folgende Text stellt einen Versuch dar, ihr berühmtes Gedicht metrisch ins Deutsche zu übertragen und musikalisch zu interpretieren.

Anrufung der Aphrodite

von Sappho
metrisch übertragen und musikalisch interpretiert von Sebastian F. Seeber

Takt: 10/8
Akkorde: e, e, G, e, A, A, D, A.

Ποικιλόθρον ̓ ἀθανάτ᾽ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος δολόπλοκε, λίσσομαί σε,
μή μ ̓ ἄσαισι μηδ ̓ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια, θῦμον,

ἀλλὰ τυίδ ̓ ἔλθ ̓, αἴ ποτα κἀτέρωτα
τὰς ἔμας αὔδας ἀίοισα πήλοι
ἔκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες

ἄρμ ̓ ὐπασδεύξαισα· κάλοι δέ σ ̓ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δίννεντες πτέρ ̓ ἀπ ̓ ὠράνωἴθε-
ρος διὰ μέσσω·

αἶψα δ ̓ ἐξίκοντο· σὺ δ ̓, ὦ μάκαιρα,
μειδιαίσαισ ̓ ἀθανάτωι προσώπωι
ἤρε ̓ ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημμι

κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλαι θύμωι· τίνα δηὖτε πείθω
εἰσάγην ἐς σὰν φιλότατα; τίς σ ̓, ὦ
Ψάπφ ̓, ἀδικήει;

καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ ̓, ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.

ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλέπαν δὲ λῦσον
ἐκ μερίμναν, ὄσσα δέ μοι τέλεσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον, σὺ δ ̓ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.

Bunt dein Thron, unsterbliche Aphrodite,
Listenflechter, Zeustochter, dich befleh’ ich:
Nicht mit Leid auch nicht zähme mir mit Qualen,
Herrin, mein Herz mir!

Vielmehr hierher komme, wenn du schon einmal
meine Rufe hast aus der Fern vernehmend
angehört. Du kamst und des Vaters gold’ne
Heimstätt’ verließt du.

Angeschirrt den Wagen, sogleich dich tragen
Spatzen schön und flink über schwarze Erde,
dicht die Flügel schlagend, vom Himmel mitten-
durch durch den Äther.

Schnell war’n sie am Ziel, o du Freudenreiche,
— Lächeln lag dir auf dem unsterblich Antlitz —
fragtest mich, was ich wieder hätt’ erlitten,
warum ich riefe.

Was am meisten ich wollt’ passieren lassen
in mein’m rasend’ Herz: „Wen soll ich dir wieder
in die Liebschaft führ’n, wer tut dir, oh Sappho,
etwas zu Leide?

Wenn sie jetzt auch flieht, wird sie bald dich suchen,
nimmt sie kein Geschenk, wird sie selber schenken,
und wenn sie nicht liebt, wird sie bald dich lieben,
wenn sie’s auch nicht will!“

Komm’ auch nun zu mir, und nimm’ mir die schwere
Sorge und erfülle mir alles, was mein
Herz begehrt, dass es sich erfülle, und sei
mit mir im Bunde!