Was macht uns aus?

Der Genuss der Poesie und die Lust am philosophischen Gespräch sind ein Alleinstellungsmerkmal des Menschen. Des Menschen innigstes, wahres Bedürfnis ist seelisch-geistige Erfüllung.

Das Institut Carpe Kairon verfolgt den Zweck, in einer hektischen, oft mechanisch-materialistisch geprägten Konsumgesellschaft daran zu erinnern, dass wir nicht all die vielen Dinge brauchen, um glücklich zu sein. Oft genügt ein gutes Gespräch, ein tiefer Gedanke oder ein erhebendes großes Gefühl. Wir möchten mit unseren Beiträgen ein Interesse an der Auseinandersetzung mit antiker Literatur und ihren Inhalt wecken, mit einer Zeit, in der Sprache und Geist zu einzigartiger Blüte gelangten. Zudem begleiten wir dich nach unseren Möglichkeiten gerne beim Erlernen einer antiken Sprache, bei der Lektüre antiker Originaltexte oder bei der Erforschung der antiken Geistes- und Gedankenwelt.

Warum antike Sprachen lernen?

Die Kenntnis der alten Sprachen ist heute alles andere als populär. Das liegt vor allem daran, dass ihr gewaltiger Nutzen heutzutage leider völlig verkannt wird. Im Folgenden möchten wir diesen Nutzen in einigen Aspekten umreißen.

1. Die Sprache als gedankliches Werkzeug

Zunächst einmal ist es wichtig, sich klarzumachen, dass viele moderne Sprachen dem Vergleich mit den Hochsprachen der Antike nicht standhalten können. Die Menschheit hat sich technologisch zwar enorm weiterentwickelt, sprachlich aber degeneriert. Während also die technologischen Fähigkeiten unserer Spezies immer weiter zunehmen, nehmen zugleich die sprachlichen Kompetenzen kontinuierlich ab und mit ihnen auch viele seelisch-geistige Fähigkeiten, die eng mit der Sprache verbunden sind.

Die Sprache ist ein geistiges Werkzeug. Wir können sie mit einem Raumschiff vergleichen: Während wir heute auf den Mond fliegen können, was für die Antike technisch unmöglich war, konnten die um ein Vielfaches komplexeren antiken Sprachen subtile und entlegene geistige Räume erschließen, die wiederum für den modernen Geist mit seinem degenerierten Instrumentarium, also der modernen Sprache, nur schwerlich zu erreichen sind: Das klassische Griechisch beispielsweise hat die Fähigkeit, über 600 Formen für jedes einzelne Verb zu bilden. Die feinen Nuancen, die dadurch zum Ausdruck kommen, lassen sich im Deutschen oder Englischen bestenfalls mühsam paraphrasieren. Viele altgriechische Gedankenformen sind in modernen Sprachen schlichtweg so nicht greifbar. Jeder menschliche Geist, der sich mit einer solchen Sprache auseinandersetzt, profitiert also in höchstem Maße davon, indem sein Denken mit einem Werkzeug ausgestattet wird, welches den üblichen Denkwerkzeugen respektive Sprachen unserer Zeit weit überlegen ist.

2. Der Schatz der Literatur

Der zweite große Schatz, den die alten Sprachen bergen, ist der Schatz der antiken Literatur: Die Philosophie Platons, die sowohl in der Tiefe ihrer Erkenntnis als auch in der Schönheit und im Witz ihrer lebendigen Sprache unübertroffen bleibt, die Dichtung Homers, welche mit bezaubernder Rhythmik kraftvolle Imaginationen vor dem inneren Auge des Lesers evoziert, die klassischen Tragödien von Aischylos, Sophokles und Euripides, die uns viel verraten über das innere Wesen des Menschen, Euklids Elemente, welche die mathematischen Sätze, die wir in der Schule auswendig lernen durften, wirklich verständlich machen, sodass sie uns zum ewigen geistigen Eigentum werden, oder die wundervolle Lyrik der Dichterin Sappho, die mit einzigartigen Rhythmen und fantasievollen Darstellungen magisch auf das Gemüt einer jeden empfindsamen Seele wirkt. Den Schlüssel zu all diesen und vielen weiteren Texten stellen die antiken Sprachen dar. Wer das Glück hat, diese Texte im Original lesen zu können, erfährt einen einzigartigen inneren Genuss: eine Beflügelung des Geistes und eine Erquickung der Seele, wie sie in der modernen Kunst so selten zu finden sind.

3. Der Schlüssel zum geistigen Erbe

Als dritter Grund kann angeführt werden, dass die antiken Sprachen den Schlüssel zum geistigen Erbe der europäischen Kultur darstellen. Unzählige Werke aus Kunst und Philosophie der verschiedensten Epochen lassen sich nicht in ihrer Tiefe verstehen, ohne die unzähligen Bezüge und Anspielungen auf die Antike zu erkennen und zu verstehen. Viele klassischer Dichter moderner Kulturen wie Goethe, Philosophen wie Kant oder Nietzsche, aber auch Musiker, Maler und bildende Künstler lebten zu einer Zeit, in der die Kenntnis der antiken Sprachen und der klassischen Literatur noch zum üblichen Bildungskanon gehörten: „Die alte Baubo kommt allein, / Sie reitet auf einem Mutterschwein“ (Faust I, Vers 3962–3963). Wer versteht diese Verse ohne jede Kenntnis der griechischen Mysterien von Eleusis?

Umgekehrt öffnet sich mit jedem antiken Werk, das man kennenlernt, ein völlig neuer Blick auf die Kulturgeschichte, was bisweilen sogar dazu führt, dass man moderne Spitzenpolitiker dabei erwischt, wie sie sich in ihren Reden ganz unverhohlen bei Thukydides bedienen. Dieser griechische Geschichtsschreiber bezeichnete sein eigenes Werk in der Einleitung offenbar ganz wohlwissend als ein κτῆμα εἰς ἀεί: ein Besitz für immer.

Und nicht nur Kunst und Philosophie, auch die Begrifflichkeit der Wissenschaft ist durch und durch geprägt von den alten Sprachen. Für denjenigen, der der griechischen und lateinischen Lexik mächtig ist, ist die Sprache der Wissenschaft ein offenes Buch: Das Ion ist ein ‚Gehendes‘, also ein sich bewegendes Teilchen, das Atom ist ‚unteilbar’, der Tempel ist ein ‚(heiliger) Abschnitt‘. Profan heißt der Bereich ‚vor dem Heiligtum‘, die sektorale Heterochromie ist eine ‚farbliche Andersartigkeit in einem Abschnitt (des Auges)‘, ein Traktor ist ‚eine Ziehmaschine‘, ‚Prost‘ bedeutet wörtlich ‚es möge einen Nutzen haben‘ und der Helikopter ist ein ‚Schraubflügler‘. Die Klinik ist der Ort, wo die Menschen auf Liegen (κλίνη) liegen, der Dativ ist der ‚Fall des Gebens‘ (ich gebe dir …), das Präteritum ist wörtlich ‚das Vorübergegangene‘, die Kalligraphie ist die ‚Schönschrift‘, die Maschine ist ‚der gute Einfall‘. Die Tangente ist die den Kreis ‚berührende’ Gerade, die Hypotenuse die sich unter dem rechten Winkel ‚erstreckende’ und die Asymptote, diejenige, die ‚nicht (mit der Kurve) zusammenfällt’, sie also niemals berührt, obwohl sie sich ihr ewig annähert. Die Philosophie ist die ‚begehrende Liebe zur Weisheit‘, hydrophil bedeutet ‚wasserliebend‘, Philipp ist der, der ‚Pferde liebt‘, und die Etymologie ist die ‚Lehre von der wahren Bedeutung der Worte‘.

Die Liste ließe sich nahezu ins Unermessliche weiterführen und soll nur einen kleinen Eindruck davon vermitteln, wie viel tiefer das Verständnis auch der eigenen Sprache, sowohl wissenschaftlicher als auch alltäglicher Begriffe, bei der Auseinandersetzung mit den klassischen Sprachen des Altertums wird. Dieses Verständnis der eigenen kulturellen Wurzeln geht bei einem Großteil der modernen Bevölkerung immer weiter verloren, wodurch der Gebrauch der Sprache und das Verständnis der Kulturschätze immer weiter abflacht. Das Gegenteil bewirkt die Kenntnis der Altsprachen und der antiken Literatur, indem sie dem Denken ungeahnte Tiefendimensionen und der Sprache verständige Mündigkeit verleiht.

4. Die Steigerung der allgemeinen Sprachkompetenz

Viertens profitiert auch die sprachliche Kompetenz im Allgemeinen. Für denjenigen, der die lateinische oder griechische Grammatik versteht, ist es ein Leichtes zu begreifen, warum wir auf dem Stuhl sitzen, wohingegen wir uns auf den Stuhl setzen. Schon im Griechischen antwortet der Dativ in der Raumlogik auf die Frage ‚wo?‘, der Akkusativ hingegen auf die Frage ‚wohin?‘. Auch die häufig gestellte Frage, warum es denn das Mädchen heißt, wird er mühelos mit einem Verweis auf den Diminutiv, der schon im Griechischen immer als Neutrum gebildet wird, erklären können. Das Mädchen ist eine Verniedlichung von ‚die Magd’. Es heißt ja auch das Bübchen und das Stühlchen.

Wer die griechischen Buchstaben Tau (ταῦ) und Theta (θῆτα) sauber auszusprechen versteht, der kann auch das spanische Verb ‚tener‘ aussprechen, ohne dabei augenblicklich durch seinen Akzent in Form eines behauchten T-Lauts preiszugeben, ein Deutscher zu sein. Natürlich wird er auch nicht lernen müssen, was die Vokabel bedeutet, da er doch bereits das lateinische Verb ‚tenēre‘ kennt. Er wird mühelos einsehen können, warum das Russische kein Verb braucht und mit zwei Worten auskommt, um zu sagen: „Ich bin ein Student“ (Я студент).

Durch die Kenntnis der alten Sprachen wächst auch die Einsicht in die Prozesse des Lautwandels, wodurch zuvor scheinbar völlig fremde Worte plötzlich wie Dialektformen einer einzigen Sprache erscheinen: das Griechische ῥήγνυμι (zerbrechen; Wurzel: *wrēg) beispielsweise ist dann ganz offenbar direkt verwandt mit dem deutschen Verb ‚brechen‘, dem Substantiv ‚Wrack‘ und dem ‚Fragment‘. Das Griechische ἔργον (das Werk; Wurzel: *werg) fällt zusammen mit dem englischen Verb ‚to work‘, dem deutschen Nomen ‚Werk‘ und ‚wirken’ und bildet auch den Stamm, von welchem sich der Name Georg, wörtlich der Erdarbeiter (d. i. Bauer), und die Energie (wörtlich: ‚im Werk‘) ableiten: natürlich auch in vielen anderen Sprachen: la energia (spanisch), the energy (englisch), энергия (russisch), Jorge (spanisch), aber auch Jörg und Jürgen.

Auch ist die syntaktische Struktur der deutschen Sprache nahezu vollkommen durch die lateinische Grammatik geprägt, weshalb die Kenntnisse in der antiken Syntax auch den sprachlichen Ausdruck im Deutschen erheblich steigern. Alles in allem kann der Gewinn, den die Auseinandersetzung mit den klassischen Sprachen des Altertums auf die gesamte Sprachkompetenz hat, kaum überschätzt werden.


Es gibt also allerhand Gründe, die hier nur angedeutet werden konnten, sich mit den Altsprachen auseinanderzusetzen: die Bereicherung des geistig-seelischen Lebens, die Rückbindung an die Wurzeln der europäischen Geisteskultur, den Ausbau sprachlicher Kompetenzen etc. Dabei kann die Verbalsprache durchaus als die größte Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit betrachtet werden. Die Kompetenz im Umgang mit dem sprachlich-gedanklichen Werkzeug zu pflegen, ist allein deshalb lohnenswert. 

Zugleich aber ist der geistig-ästhetische Genuss, den die Auseinandersetzung mit antiken Texten bereitet, jede Mühe wert: ein Genuss, der nicht nur tiefgründig und nützlich, sondern auch in höchstem Maße nachhaltig und umweltverträglich ist. Mehr als ein paar Bücher und den eigenen Geist braucht man ja nicht zu dessen Verwirklichung.

Wir freuen uns also, wenn wir dich auf deinem Weg in die faszinierende Welt der antiken Sprachen und Literatur begleiten dürfen und wir gemeinsam daran arbeiten, die moderne Geisteskultur Europas durch die Verbindung mit ihrer Quelle zu erquicken und zu bereichern.

Unsere Philosophie

Einleitende Gedanken

Im strengen und eigentlichen Sinne des Wortes dürfte dieser Abschnitt gar nicht ‚Philosophie‘ heißen. Denn die Philosophie, wenn sie im Sinne Platons verstanden wird, besteht nicht darin, bestimmte Meinungen und Werte vorzutragen oder zu vertreten, sondern darin, Meinungen und Wertbegriffe zu untersuchen und sich auf diese Weise auf die Suche nach Wahrheit und Wissen zu begeben. Die Philosophie (griechisch: ἡ φιλοσοφία) bezeichnet im eigentlichen Sinne gerade die Liebe (ἡ φιλία) zur Weisheit (ἡ σοφία), wobei die griechische Sprache verschiedene Liebesbegriffe kennt: Die Philia (ἡ φιλία) – ähnlich wie der Eros (ὁ ἔρως, daher die Erotik) und im Gegensatz zur Agape (ἡ ἀγαπή) – ist eine begehrende Liebe, die nach etwas strebt, was sie ausdrücklich nicht hat. Die Philosophie ist also kein Besitz von Weisheit oder Wahrheit, sondern die Suche danach, indem der Suchende sich bewusst ist, dass er über das Gesuchte noch nicht verfügt.

Der folgende Abschnitt wiederum beschreibt in einem moderneren Sinne die ‚Philosophie‘, die hinter Carpe Kairon steckt, also die von uns vertretenen Werte sowie die Meinungen, welche diese Werte begründen:
Carpe Kairon verfolgt das Ziel, den Erhalt des antiken europäischen Kulturerbes zu fördern, den Nutzen dieser Geistestradition erkenntlich, zugänglich und fruchtbar zu machen und das moderne Leben durch die antiken Sprachen, Texte und Inhalte im privaten, politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmen vielfältig zu bereichern. Dafür aber muss zunächst einmal ein Verständnis für das Verhältnis von antiker und moderner Kultur ausgebildet werden: Ich technologischer Hinsicht war die Antike der Moderne selbstverständlich in vielen Belangen unterlegen. In den technologischen Errungenschaft der Moderne liegt allerdings die Möglichkeit begründet, dass die schieren Faszination durch die Leistungen moderner Computer, Handys, Raketen, Autos usw. die Gesellschaft blind macht für die Errungenschaften anderer Zeiten und Kulturen.

Die Leistungen der Antike wiederum bestanden besonders in der vollkommenen Entwicklung der Sprache und der Sublimierung des Denkens. Eine Sprache wie das Altgriechische ist modernen Sprachen syntaktisch, morphologisch und lexikalisch – was das geistig-seelische Vokabular betrifft – weit voraus. Die Sprache ist dabei das Werkzeug für die Erforschung des seelisch-geistigen Raums. Wie die modernen Teleskope weit ins All hineinblicken und die (unbemannte) Raumfahrt sich mittlerweile bis nahe an die Sonne heranwagt, so können antike Sprachen tief in den Raum des Seelisch-Geistigen vordringen und so die entferntesten, faszinierendsten und schönsten Regionen erreichen. Die Ergebnisse dieser geistigen Erkundungsfahrten liegen uns in den erhaltenen Schriften und in dem Wesen der jeweiligen Sprache selbst vor. Während nun aber ein Smartphone für jeden – auch für den Laien – leicht zu bedienen ist, sodass jeder sich schnell und unkompliziert von den Vorzügen desselben überzeugen kann, ist das Erlernen einer antiken Sprache und die fundierte Auseinandersetzung mit den Texten und Inhalten mit geistiger Arbeit und Anstrengung verbunden. Die moderne Technologie nimmt uns Arbeit ab, die Beschäftigung mit der Antike verschafft uns Arbeit. Da verwundert es freilich nicht, dass die Moderne bei vielen den uneingeschränkten Vorzug erhält und auch in Kultur und Gesellschaft die Kenntnis der antiken Sprachen immer weiter zurückgedrängt wird. Dabei wird jedoch eines übersehen: Die geistige Arbeit, die wir als Mensch leisten, ist gerade das, was uns als Mensch im eigentlichen Sinne verwirklicht und erfüllt.

Aristipp und die menschliche Lust

Ich möchte eine kleine Geschichte nacherzählen: Einst soll Aristipp, ein Schüler des Sokrates, mit einigen Gefährten Schiffbruch erlitten haben und an ein fremdes Ufer gespült worden sein. Als er dort geometrische Figuren im Sand erkannte, die einen euklidischen Beweis illustrierten, rief er plötzlich erfreut zu seinen Kameraden aus: „Seid guter Hoffnung, ich sehe Spuren von Menschen!“ (vgl. zu dieser Geschichte beispielsweise Brandt, Reinhard, 2000: Philosophie in Bildern. Von Giorgione bis Magritte. Köln, S. 164–200) Die euklidische Geometrie ist hier ein Beispiel für eine Art der intellektuellen Beschäftigung, die unter allen Lebewesen dieser Welt nur dem Menschen zueigen ist. Als Menschen – und dies ist eine der Tatsachen, die einigen der antiken Philosophen deutlich klarer verstanden hatten als ihre modernen Nachfolger – haben wir Anteil sowohl am pflanzlichen Leben, also an Stoffwechsel, Wachstum, Reproduktion etc., als auch am tierischen, also beispielsweise an der Ortsbewegung und der handelnden Interaktion mit anderen Individuen. Die begriffliche, intellektuelle und mathematische Betätigung allerdings – Mathematik meint hier im antiken Sinne die intellektuelle Beschäftigung mit den vier Lehrgegenständen (τὰ μαθήματα): Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und Bewegungslehre – ist das, was den Menschen als Mensch ausmacht und unterscheidet.

Wie nun die Schwalbe ihr Wesen beispielsweise dadurch verwirklicht, geschickt und flink zu fliegen, so verwirklicht der Mensch sein Wesen gerade in der begrifflichen Betätigung. Und wie die Schwalbe ein besonders großes Glück dabei empfindet, ihr Vermögen frei und gekonnt auszuleben, so empfindet der Mensch ein besonderes Glück dabei, geistig forschend oder seelisch schöpferisch tätig zu sein. Die klassischen Sprachen und Texte ermöglichen uns genau diese Betätigung in schönster Form. Allerdings sind sie den meisten Menschen heute kaum mehr bekannt oder für sie  zugänglich. Die Technologie hilft uns zweifelsohne dabei, unsere sinnlichen Wünsche immer leichter auszuleben und uns im Handlungsraum immer kraftvoller zu betätigen. Wobei sie uns aber kaum behilflich ist, das ist die Verwirklichung unseres seelisch-geistigen Natur, besonders in Bezug auf das begriffliche Denken. Und so leben wir uns lieber als Schwalbe aus und fliegen mithilfe der Technik durch die Lüfte, als uns auf den Flügeln von Poesie und Philosophie durch die uns wesentlich zugehörigen Gefilde tragen zu lassen. Dabei können wir hier – und das scheint fast gänzlich vergessen worden zu sein – die größte Lust erleben und die uns eigentümlichste.

Ein Wort zur Nachhaltigkeit

An dieser Stelle kann es nicht verkehrt sein, auch auf den Aspekt der Nachhaltigkeit noch einmal etwas ausführlicher einzugehen. Der Mensch ist, wie eben ansatzweise dargestellt, ein komplexes Wesen mit vielen Aspekten. Wir empfinden sinnliche Lust, wir empfinden Lust, wenn wir unsere Handlungsziele erreichen, und wir empfinden intellektuelle Lust. All diese Lüste sind wichtig, wirklich schön sind sie aber erst dann, wenn sie gemeinsam ein harmonisches Ganzes bilden. Der Mensch sucht und strebt wie alles Leben nach Lust und Glück in jedem Moment der Existenz. Wenn er jedoch den wesentlichsten Teil seines Seins verkennt und gar nicht weiß, wie oder dass er sich auch dort lustvoll verwirklichen kann, dann sucht er das, was ihm fehlt, in seinen anderen Vermögen vergeblich, was wiederum sein Wesen aus dem Gleichgewicht bringt.

Die Unterhaltungsindustrie im weitesten Sinne – also Gastronomie, Reisen und vieles mehr – gibt sich größte Mühe, die Lust an der Sinneserfahrung immer weiter zu steigern und auf immer ausgefallenere Arten auszuschöpfen. Der Gipfel dieser Entwicklung zeigt sich besonders eindrucksvoll in der privaten Raumfahrt und anderen extremen Luxusgütern. Dabei werden tagtäglich unvorstellbare Mengen an natürlichen Ressourcen eingesetzt, um letztlich nichts anderes zu bewirken, als den fünf Sinnen möglichst extravagante Erfahrungen zu ermöglichen: der Blick aus einer Raumkapsel, der Geschmack von Hummer mit Blattgold etc. Es ist offensichtlich, dass eine derartige Entwicklung allen Bemühungen um Nachhaltigkeit radikal zuwiderläuft. Wer hingegen die intellektuellen Freuden des menschlichen Daseins kennenlernt und hier einen wesentlichen Teil seiner Lusterfüllung findet, dem genügen einige Bücher, ein kompetenter Gesprächspartner und die eigenen seelisch-geistigen Fähigkeiten, um tiefe Freude und Vergnügen zu empfinden und zugleich die Blüte dieser inneren Fähigkeiten immer weiter zur Entfaltung zu bringen.

Eine erfolgreiche Nachhaltigkeitsbewegung kann nicht primär auf (ersatzlosem) Verzicht oder unbändig fortschreitender Technologisierung basieren, sondern muss, indem sie den Menschen in seinem Wesen erkennt, ihm die ihm selbst gemäße Lust erneut erschließen, welche ganz von selbst Umwelt und Ressourcen schont. Der Gewinn ist also groß, wenn auch die intellektuelle Lust wieder einen Stellenwert in der Gesellschaft einnimmt. Die antiken Texte und Sprachen sind überfließende Quellen, bestens dazu geeignet, dieser Lust zu frönen.

Der Schlüssel zur eigenen Kultursprache

Die Beschäftigung mit antiken Texten und Sprache bringt aber nicht nur Lust mit sich, sondern befördert auch Fähigkeiten und Kompetenzen. Entscheidend ist dabei die Schlüsselrolle der griechischen und der lateinischen Sprache in der kulturellen Entwicklung Europas: Unser wissenschaftliches Denken, unsere Fachtermini, die sogenannten termini technici, sind fast ausnahmslos von griechisch-lateinischer Prägung, denn bis vor ca. 150 Jahren war der Zugang zu den Universitäten für alle Studiengänge ausschließlich den Absolventen der humanistischen Gymnasien vorbehalten (vgl. Kitzbichler, Josefine / Lubitz, Katja / Mindt, Nina, 2009: Theorie der Übersetzung antiker Literatur in Deutschland seit 1800. Berlin/New York, S. 55), welche über viele Jahre intensiv Griechisch und Latein gelernt hatten. Wer das Griechische und das Lateinische kennt, der versteht fast jeden Fachterminus aus dem Stegreif: ad hoc, wie der Lateiner sagt.

Das Isotop steht im Periodensystem der Elemente am gleichen Ort, vom Griechischen ἴσος (gleichwertig) und ὁ τόπος (der Ort – daher auch die Topographie, wörtlich: Ortsbeschreibung) herkommend, die Theorie (ἡ θεωρία) ist wörtlich die ‚Betrachtung‘ im Gegensatz zur Praxis (ἡ πρᾶξις = die Handlung). Das Perfekt, die zusammengesetzte Vergangenheit des Deutschen, ist wörtlich ‚das, was abgeschlossen ist‘ (lat. perfectum), der Indikativ ist der Modus des Aussagens (lat. indicare). Oben wurde ja bereits eine große Zahl weiterer Begriffe etymologisiert. Und während die meisten jungen Menschen heute in sämtlichen Fächern – ob in der Schule oder auf der Uni – zahllose Fachbegriffe stumpf auswendig lernen müssen, deren Sinn sie mehr verstehen, ist es für den altsprachlich Gebildeten ein Leichtes, fast jeden Fachterminus im Zusammenhang auf Anhieb zu begreifen.

In den letzten 100 Jahren hat die philologische Bildung rasant abgenommen und ist heute kaum noch vorhanden, wodurch ein gewaltiger Riss im bewussten Umgang mit der eigenen Kultursprache entstanden ist. Der Physiker Werner Heisenberg übersetzte noch als Teenager aus dem platonischen Dialog Timaios auf dem Dach des Priesterseminars in München (vgl. Heisenberg, Werner, 1969: Der Teil und das Ganze. München, S. 19–22). Heute dagegen haben die wenigsten Menschen – ob Akademiker oder nicht – auch nur einen einzigen platonischen Dialog gelesen. Damit ist nicht nur die Verbindung zum Verständnis der wissenschaftlichen Begriffe geschwunden, sondern auch der Bezug zur philosophischen, literarischen und poetischen Tradition, welche Europa seit Homer (ca. 800 v. d. Z.) prägt. Viele Werke der deutschen Literatur, beispielsweise Goethes Faust, lassen sich ohne Kenntnis der klassischen Antike kaum verstehen, geschweige denn genießen. Ein großer Teil der deutschen Grammatik hat sich erst dadurch herausgebildet, dass deutsche Gelehrte griechische und lateinische Schriften übersetzten und dafür die sprachlichen Möglichkeiten ihrer Muttersprache erweitern mussten (vgl. dazu bspw. Meibauer, Jörg et al., 2002: Einführung in die germanistische Linguistik. Stuttgart / Weimar, S. 330–331).

Durch die Kenntnis der antiken Sprachen wird also ein Band geknüpft zum Verständnis von fast 3000 Jahren europäischer Sprach-, Geistes- und Kulturgeschichte, von welchem sich die moderne Gesellschaft ohne diese Kenntnis immer weiter selbst abschneidet. Der Erwerb und die Pflege der Altsprachen bereichert umgekehrt das kulturelle Leben und die seelisch-geistigen Fähigkeiten vielfältig.

Der Platonische Dialog

Das Œuvre Platons bildet gewissermaßen den Kern der europäischen Geistesgeschichte. Es steht deshalb im Zentrum von Carpe Kairon. Die philosophische und literarische Qualität der platonischen Dialoge kann als bislang unübertroffen gelten. Der Genuss, die seelische Erquickung und die geistige Sublimierung und Schärfung, die die Originallektüre platonischer Dialoge uns verschafft, ist in nüchternen Worten nicht zu beschreiben. Der Gewinn sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft, für die Kunst und für die Wissenschaft, für die Wirtschaft und für die Politik wäre gewaltig, wenn die Lektüre platonischer Dialoge wieder Einzug hielte in das öffentliche und private Leben.

Platon ist der eigentliche Zielautor, den Carpe Kairon jedem Leser empfiehlt. Die platonische Philosophie berührt unmittelbar das Wesen jeder wirklich philosophischen Lebenshaltung und die platonische Sprache, besonders die Dialektik, ist ein Musterbeispiel der Kommunikation und Gesprächsführung. Es sind die Gespräche, beispielsweise über die Tapferkeit (vgl. Platon, Laches), das Fromme (vgl. Platon, Euthyphron), das Gerechte (vgl. Platon, Politeia) und das Schöne (vgl. Platon, Hippias maior), in denen der Mensch sich am meisten selbst verwirklicht, in denen der wir, wenn wir den Text aufmerksam mitverfolgt, eine gedankliche Tiefe erfahren, die selten erreicht wird, und bei deren Verständnis wir ein unbeschreibliches Glück empfinden können, welches unsere Seele fortan wie ein Licht begleitet. Die Auswahl an Literatur ist groß und natürlich können auch Autoren wie Homer, Aischylos und Euklid die menschliche Seele berauschen, bezaubern oder erfüllen. In Platon aber fällt die größtmögliche Lust mit dem größtmöglichen Nutzen zusammen, weshalb es unser wesentlichstes Anliegen ist, die Platonlektüre nachhaltig zu fördern und zu unterstützen.

Abschließende Gedanken

Die Liste der Vorteile und Gewinne, die aus der Wiedergewinnung der Antike resultieren, ließe sich mit vielen Einzelheiten noch lange weiterführen, genau wie die Liste der einzelnen Autoren und Texte. In nahezu allen Bereichen kann die Rückbindung an die Antike und gerade auch die Verbindung der modernen Fähigkeiten und Erfahrungen mit den antiken Erkenntnis- und Darstellungsweisen eine gewaltige Bereicherung bedeuten, die es vermag, den Einzelnen und unsere Kultur als Ganze in ein neues Gleichgewicht zu führen. Diesen Schritt zu einer einzigartigen Synthese von Moderne und Antike möchten wir mit Carpe Kairon nach Kräften fördern, unterstützen und selbst gehen.

Institutsleitung