Texts

Was ist eigentlich ein Text?

Der Ausdruck Text kommt vom lateinischen Verb texere (weben). Ein textum ist also ein Gewebe. Es gibt einen reichen Schatz an Analogien zwischen Denken und Sprechen auf der einen und der Textilherstellung auf der anderen Seite:

Zunächst spinnen wir einen Gedanken oder mehrere. Wenn wir sie artikulieren müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht verhaspeln. Die Gedankenfäden verknüpfen oder verweben wir dann zu einem Text, idealiter ohne dabei den (roten) Faden zu verlieren.

Die folgenden Texte stammen aus der der teils frühen Studienzeit von Sebastian F. Seeber. Obwohl sie sicher in vielen Hinsicht sowohl methodisch als auch inhaltlich nicht ausgereift sind und vielfach nicht mehr der aktuellen Ansichten und Arbeitsweise von Herrn Seeber entsprechen, stellen sie dennoch lesenswerte Arbeiten dar, die bei kritischer Lektüre zu bereichernden und inspirierenden Gedanken führen können.

Wer lernt und sucht entwickelt sich stetig. Auch die folgenden Texte stellen daher immer eine Momentaufnahme der damaligen Ansichten des Autors dar. Ein feste, gemeinsamer Kern allerdings dürfte in allen folgenden Texten erkennbar sein. Auch bei den Aufsätzen laden wir herzlich dazu ein, sich kritisch und neugierig mit den Inhalten auseinanderzusetzen.

Im Folgenden finden sich einige Übersetzungen und Übertragungen.

1. Korinter 13, 4–13

übersetzt von Sebastian F. Seeber

4 Die Liebe ist langmütig, gütig zeigt sich die Liebe, sie kennt keinen Neid, keine Prahlerei und sie bläht sich nicht auf.

5 Sie gebärdet sich nicht unangebracht, sucht nicht den eigenen Vorteil, sie lässt sich nicht provozieren und stellt das Übel nicht in Rechnung.

6 Sie hat keine Freude am Unrecht, über die Wahrheit aber freut sie sich.

7 Allem widersteht sie, alles glaubt sie, alles hofft sie und alles erträgt sie.

8 Die Liebe lässt niemals nach. Und sind es auch die Gaben der Prophetie, sie werden schwinden; sind es auch die Reden im Geiste, sie werden aufhören; ist es auch die Erkenntnis, sie wird schwinden.

9 Denn nur zum Teil erkennen wir, nur zum Teil reden wir prophetisch.

10 Sobald aber die Vollendung kommt, wird das Teilhafte schwinden.

11 Als ich ein kleines Kind war, da sprach ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, stellte Überlegungen an wie ein Kind. Seitdem ich aber ein erwachsener Mann bin, bin ich das Kindische los.

12 Wir sehen nämlich in diesem Moment ein rätselhaftes Spiegelbild, dann aber werden wir von Angesicht zu Angesicht blicken. In diesem Moment erkenne ich nur zum Teil, dann aber werde ich tatsächlich erkennen, wie ich auch tatsächlich erkannt wurde.

13 Und nun bleiben: Glaube, Hoffnung, Liebe – diese drei. Am größten aber von ihnen ist die Liebe.

Das Gedicht entstand in der Auseinandersetzung mit antiker Metrik und der antiken Elementelehre. Das metrische Prinzip ist das älteste und ursprünglichste: Silbenzählen. 5 x 5 Silben beschreiben den Äther, während 4 x 4 Silben jedes der vier Elemente beschreiben.

Die Elemente

von Sebastian F. Seeber

Ich bin der Äther.
Vier Elemente
Sind mir entsprungen.
Sie sind die Wirkung,
Doch ich bin der Grund!
Feuer, das brennt,
Feuer, das glänzt,
Feuer, das erhitzt
Unser Gemüt.

Erde, die trägt,
Erde, die nährt,
Erde begräbt
Unseren Leib.
Luft gibt uns Raum,
Luft verbindet,
Luft die belebt,
Führt unser Wort.

Wasser, das fließt,
Wasser, das kühlt,
Wasser, das löscht
unseren Durst.

Das Gedicht verbindet einen empfindsamen Moment mit freier Metrik.

Herzenstiefe

von Robert Baranek und Sebastian F. Seeber

Unfähig, das Leid zu sehen,
Bevor es persönliches Leid wird.
Unfähig, das Ganze zu fassen:
Verstrickt, in persönlicher Freud' verirrt.
Wo ist das Herz,
Das große genug ist,
Der Kreatürlichkeit Höhen und Tiefen zu halten?

Gibt's nicht genug,
Um ewig zu weinen,
Ewig zu lachen? – Innehalten!

In der Stille möcht' ich sein.
Mich selbst vergessen – und die Welt.
Nicht mehr hören auf die falsche Macht,
Die fern mich von der Liebe hält.

Sappho ist wohl die bekannteste Lyrikerin der griechischen Antike. Sie lebte im 6 Jh. v. d. Z. auf der Insel Lesbos. In der Anrufung der Aphrodite geht es um einen Liebeszauber, mit welchem die Dichterin eine andere Frau in Ihre Liebe ziehen will. Die teils homoerotische Dichtung Sapphos war wahrscheinlich für die Entstehung des Ausdrucks lesbisch mit verantwortlich.

Der folgende Text stellt einen Versuch dar, ihr berühmtes Gedicht metrisch ins Deutsche zu übertragen und musikalisch zu interpretieren.

Anrufung der Aphrodite

von Sappho
metrisch übertragen und musikalisch interpretiert von Sebastian F. Seeber

Takt: 10/8
Akkorde: e, e, G, e, A, A, D, A.

Ποικιλόθρον ̓ ἀθανάτ᾽ Ἀφρόδιτα,
παῖ Δίος δολόπλοκε, λίσσομαί σε,
μή μ ̓ ἄσαισι μηδ ̓ ὀνίαισι δάμνα,
πότνια, θῦμον,

ἀλλὰ τυίδ ̓ ἔλθ ̓, αἴ ποτα κἀτέρωτα
τὰς ἔμας αὔδας ἀίοισα πήλοι
ἔκλυες, πάτρος δὲ δόμον λίποισα
χρύσιον ἦλθες

ἄρμ ̓ ὐπασδεύξαισα· κάλοι δέ σ ̓ ἆγον
ὤκεες στροῦθοι περὶ γᾶς μελαίνας
πύκνα δίννεντες πτέρ ̓ ἀπ ̓ ὠράνωἴθε-
ρος διὰ μέσσω·

αἶψα δ ̓ ἐξίκοντο· σὺ δ ̓, ὦ μάκαιρα,
μειδιαίσαισ ̓ ἀθανάτωι προσώπωι
ἤρε ̓ ὄττι δηὖτε πέπονθα κὤττι
δηὖτε κάλημμι

κὤττι μοι μάλιστα θέλω γένεσθαι
μαινόλαι θύμωι· τίνα δηὖτε πείθω
εἰσάγην ἐς σὰν φιλότατα; τίς σ ̓, ὦ
Ψάπφ ̓, ἀδικήει;

καὶ γὰρ αἰ φεύγει, ταχέως διώξει,
αἰ δὲ δῶρα μὴ δέκετ ̓, ἀλλὰ δώσει,
αἰ δὲ μὴ φίλει, ταχέως φιλήσει
κωὐκ ἐθέλοισα.

ἔλθε μοι καὶ νῦν, χαλέπαν δὲ λῦσον
ἐκ μερίμναν, ὄσσα δέ μοι τέλεσσαι
θῦμος ἰμέρρει, τέλεσον, σὺ δ ̓ αὔτα
σύμμαχος ἔσσο.

Bunt dein Thron, unsterbliche Aphrodite,
Listenflechter, Zeustochter, dich befleh’ ich:
Nicht mit Leid auch nicht zähme mir mit Qualen,
Herrin, mein Herz mir!

Vielmehr hierher komme, wenn du schon einmal
meine Rufe hast aus der Fern vernehmend
angehört. Du kamst und des Vaters gold’ne
Heimstätt’ verließt du.

Angeschirrt den Wagen, sogleich dich tragen
Spatzen schön und flink über schwarze Erde,
dicht die Flügel schlagend, vom Himmel mitten-
durch durch den Äther.

Schnell war’n sie am Ziel, o du Freudenreiche,
— Lächeln lag dir auf dem unsterblich Antlitz —
fragtest mich, was ich wieder hätt’ erlitten,
warum ich riefe.

Was am meisten ich wollt’ passieren lassen
in mein’m rasend’ Herz: „Wen soll ich dir wieder
in die Liebschaft führ’n, wer tut dir, oh Sappho,
etwas zu Leide?

Wenn sie jetzt auch flieht, wird sie bald dich suchen,
nimmt sie kein Geschenk, wird sie selber schenken,
und wenn sie nicht liebt, wird sie bald dich lieben,
wenn sie’s auch nicht will!“

Komm’ auch nun zu mir, und nimm’ mir die schwere
Sorge und erfülle mir alles, was mein
Herz begehrt, dass es sich erfülle, und sei
mit mir im Bunde!

Eine musikalische Interpretation mit metrischer Übertragung. Selene ist der griechische Namen für den Mond, eigentlich: die Mondin.

Selene

von Sappho
musikalische interpretiert und übertragen von Sebastian F. Seeber

Akkorde: e, G, D, A.

Gesunken ist die Selene
Und mit auch die Plejaden.
Mittnächte, die Stunden weichen.
Ich aber, ich schlaf alleine.

Δέδυκε μὲν ἀ σελάννα
καὶ Πληΐαδες, μέσαι δέ
νύκτες, πάρα δ᾽ ἔρχετ᾽ ὤρα,
ἔγω δὲ μόνα κατεύδω.

Eine kleine, musikalische Interpretation mit Übertragung der althebräischen Verse.

Psalm 23

musikalische interpretiert und übertragen von Sebastian F. Seeber
Akkorde: G, e, G, A / G, e, G, e.

Und wenn ich auch wandere
Im Tale des Schattentods,
Fürcht‘ ich kein Übel,
Denn Du bist bei mir!

גַּ֤ם  כִּֽי־אֵלֵ֨ךְ
בְּגֵ֪יא  צַלְמָ֡וֶת
לֹא־אִ֘ירָ֤א  רָ֗ע
כִּי־אַתָּ֥ה  עִמָּדִ֑י

Eine musikalische Interpretation mit Übertragung.

Faustkampf mit Eros

von Anakreon
musikalische interpretiert und übertragen von Sebastian F. Seeber
Akkorde: E, E, G, A.

Φέρ᾽ ὕδωρ, φέρ᾽ οἶνον, ὦ παῖ,
φέρε δ᾽ ἀνθεμεῦντας ἡμίν
στεφάνους, ἔνεικον, ὡς δή
πρὸς Ἔρωτα πυκταλίζω.

Bring’ Wasser, Knabe, bring’ Wein,
Bring’ mit bunten Blumen geschmückt,
Siegeskränze uns, damit ich
Gegen Eros ankämpfen kann.

Eine metrische Übertragung mit musikalischer Interpretation.

Fragment 4

metrisch übertragen und musikalisch interpretiert von Sebastian F. Seeber

Akkorde: E, E, G, A.

ἀλλ᾽ ἄγε σὺν κώθωνι | θοῆς διὰ σέλματα νηὸς
φοίτα καὶ κοίλων | πώματ᾽ ἄφελκε κάδων,
ἄγρει δ᾽ οἶνον ἐρυθρὸν | ἀπὸ τρυγός· οὐδὲ γὰρ ἡμεῖς
νηφέμεν ἐν φυλακῇ | τῇδε δυνησόμεθα.

Jetz’ aber los mit dem Kruge | durchs Deck uns’res schnellen Schiffes
lauf hin und her, aus dem hohl’n | Faß sollst du Wein raus hol’n!
Nimm auch den Most dir, den roten, | vom Fassboden raus, denn wir werden
nüchtern in dieser Nacht | doch nicht halten die Wacht!